Essstörungen
Essstörungen – moderne Behandlungskonzepte und ergänzende Therapieansätze
Essstörungen gehören zu den schwerwiegendsten psychischen Erkrankungen und nehmen weltweit zu. Besonders betroffen sind Jugendliche und junge Erwachsene. Zu den häufigsten Formen zählen Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und die Binge-Eating-Störung. Die Erkrankungen gehen mit erheblichen körperlichen, psychischen und sozialen Belastungen einher und weisen eine hohe Komorbidität mit anderen psychischen Störungen auf.
Die Behandlung von Essstörungen erfordert daher ein individuelles, multimodales Therapiekonzept, das psychotherapeutische, medizinische und – in ausgewählten Fällen – neurobiologische Verfahren kombiniert.
Formen von Essstörungen
Anorexia nervosa
Anorexie ist durch eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme, restriktives Essverhalten und eine verzerrte Körperwahrnehmung gekennzeichnet. Betroffene erleben ihren Körper trotz Untergewicht häufig als „zu dick“. Neben den psychischen Symptomen kommt es zu schwerwiegenden somatischen Folgen wie Herz-Kreislauf-Komplikationen, hormonellen Störungen und kognitiven Einschränkungen.
Mit einer Mortalität von bis zu 20 % zählt Anorexie zu den psychischen Erkrankungen mit der höchsten Sterblichkeit. Die Behandlung von Anorexie ist komplex und erfordert eine enge Verzahnung von medizinischer Stabilisierung, Psychotherapie und langfristiger Begleitung.
Bulimia nervosa
Die Bulimie ist gekennzeichnet durch wiederkehrende Essanfälle mit anschließenden kompensatorischen Maßnahmen wie Erbrechen oder exzessivem Sport. Das Körpergewicht liegt häufig im Normalbereich, wodurch die Erkrankung nach außen weniger sichtbar ist.
Trotzdem bestehen erhebliche Risiken, darunter Elektrolytstörungen, Herzrhythmusstörungen, Zahnschäden und Entzündungen der Speiseröhre. Psychisch stehen Impulsivität, Kontrollverlust und ausgeprägte Scham im Vordergrund. Die Therapie der Bulimie zielt auf eine Stabilisierung des Essverhaltens sowie auf die Verbesserung der Emotions- und Stressregulation ab.
Binge-Eating-Störung
Die Binge-Eating-Störung ist durch wiederholte Episoden unkontrollierten Essens ohne kompensatorische Maßnahmen gekennzeichnet. Sie ist die häufigste Form der Essstörungen und geht häufig mit Gewichtszunahme, metabolischen Erkrankungen sowie depressiven Symptomen einher.
Zentral ist der erlebte Kontrollverlust während der Essanfälle, verbunden mit Schuld- und Schamgefühlen. Die Behandlung der Binge-Eating-Störung erfordert einen integrativen Ansatz, der sowohl emotionale Auslöser als auch neurobiologische Mechanismen berücksichtigt.
Komorbiditäten bei Essstörungen
Essstörungen treten selten isoliert auf. Häufig bestehen Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, Traumafolgestörungen oder Persönlichkeitsstörungen. Diese Komorbiditäten beeinflussen Verlauf, Prognose und Therapieansprechen erheblich.
Eine erfolgreiche Essstörungen-Therapie muss daher die gesamte psychische Situation berücksichtigen und über eine rein symptomorientierte Behandlung hinausgehen.
Psychotherapie als Basis der Behandlung von Essstörungen
Die Psychotherapie stellt die zentrale Säule in der Behandlung von Essstörungen dar. Sie zielt auf die Veränderung dysfunktionaler Denkmuster, die Verbesserung der Emotionsregulation sowie auf den Aufbau eines realistischen Körperbildes ab.
Besonders bei Anorexie spielt das soziale Umfeld eine wichtige Rolle. Eine Einbindung von Familie oder Bezugspersonen kann den therapeutischen Prozess unterstützen, auch im Erwachsenenalter. Entscheidend ist die behutsame Förderung der Veränderungsmotivation. Zwangsmaßnahmen wie Zwangsernährung werden häufig als traumatisch erlebt und können den langfristigen Verlauf negativ beeinflussen.
Ketamin als ergänzender Ansatz bei Essstörungen
Ketamin ist ein NMDA-Rezeptor-Antagonist, der seit vielen Jahren in der Anästhesie eingesetzt wird. In den letzten Jahren wurde seine Wirksamkeit bei therapieresistenten Depressionen, Angststörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen untersucht.
Neuere Studien deuten darauf hin, dass Ketamin und ketamin-gestützte Psychotherapie auch bei ausgewählten Patientinnen mit Essstörungen hilfreich sein können, insbesondere bei schwer behandelbaren oder chronischen Verläufen. Vermutet wird eine Modulation glutamaterger Netzwerke, die an Zwang, Grübeln und emotionaler Regulation beteiligt sind.
Ketamin wird dabei ausschließlich als ergänzende Maßnahme innerhalb eines strukturierten psychotherapeutischen Gesamtkonzepts eingesetzt. Manchmal kann die Ketamintherapie auch durch Hypnose ergänzt werden.
rTMS und tDCS bei Essstörungen
Die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) ist ein nicht-invasives, gut verträgliches Verfahren, das gezielt neuronale Netzwerke beeinflusst. Studien zeigen, dass rTMS bei Essstörungen zu Verbesserungen von Zwangssymptomen, Impulskontrolle und – bei Anorexie – auch des BMI beitragen kann.
Die Wirkung entfaltet sich meist über mehrere Wochen. rTMS wird bei uns stets in Kombination mit intensiver Psychotherapie eingesetzt.
Die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) stellt eine ergänzende, niedrigschwellige Option dar. Sie ist sicher, nebenwirkungsarm und kann nach Anleitung auch zu Hause durchgeführt werden, etwa zur Stabilisierung zwischen intensiveren Behandlungsphasen.
Neurofeedback bei Essstörungen
Neurofeedback ist ein EEG-basiertes Verfahren, das Betroffene dabei unterstützt, ihre Gehirnaktivität bewusst zu regulieren. Ziel ist es, neuronale Muster zu beeinflussen, die mit Emotionsregulation, Körperwahrnehmung und Impulskontrolle zusammenhängen.
Bei Essstörungen kann Neurofeedback dazu beitragen, die Selbstwahrnehmung zu verbessern und die Fähigkeit zur emotionalen Selbststeuerung zu stärken. Es eignet sich besonders als ergänzender Baustein innerhalb einer multimodalen Behandlung.
Multimodale Kombinationsbehandlung
Die Kombination aus Psychotherapie, Ketamin, rTMS und Neurofeedback trägt der komplexen Natur von Essstörungen Rechnung. Studien zeigen, dass multimodale Ansätze häufig zu besseren und nachhaltigeren Ergebnissen führen als Einzelverfahren.
Dieser integrative Ansatz ist besonders sinnvoll bei:
- chronischen oder therapieresistenten Verläufen
- ausgeprägten Komorbiditäten
- wiederholten Rückfällen
Fazit
Die Behandlung von Essstörungen erfordert ein individuell angepasstes, langfristig angelegtes Therapiekonzept. Psychotherapie bleibt der zentrale Bestandteil der Behandlung. Ergänzende neurobiologische Verfahren wie Ketamin, rTMS und Neurofeedback können bei ausgewählten Patientinnen und Patienten die therapeutischen Möglichkeiten erweitern, ersetzen jedoch keine psychotherapeutische Begleitung.
Ein integrativer Ansatz, der psychische, körperliche und neurobiologische Faktoren gleichermaßen berücksichtigt, bietet die besten Voraussetzungen für nachhaltige Stabilisierung und Verbesserung der Lebensqualität.
Wenn Sie sich für eine moderne, multimodale Behandlung von Essstörungen interessieren, kontaktieren Sie uns gerne. Wir beraten Sie persönlich und unverbindlich.
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F.A.Q. Behandlung von Essstörungen
Häufig gestellte Fragen zu unserer multimodalen Therapie bei Essstörungen
Die Behandlung von Essstörungen erfolgt bei uns in der Regel multimodal und umfasst Psychotherapie, medizinische Begleitung sowie bei Bedarf ergänzende neurobiologische Verfahren.
Zu den häufigsten Essstörungen zählen Anorexie nervosa, Bulimia nervosa und die Binge-Eating-Störung.
Ketamin ist kein Standardverfahren, wird jedoch zunehmend als ergänzende Option bei therapieresistenten Verläufen wissenschaftlich untersucht.
Studien zeigen, dass rTMS bei ausgewählten Patientinnen zu Verbesserungen von BMI, Zwangssymptomen und Impulskontrolle beitragen kann.
Ja, insbesondere bei komplexen Verläufen kann eine Kombination aus Psychotherapie, Ketamin, rTMS und Neurofeedback sinnvoll sein.
Bei der Dosierung, die für die Behandlung von Depressionen und anderen Erkrankungen verwendet wird, besteht kein Abhängigkeitspotenzial.
Seit 1970 ist Ketamin ein zugelassenes Arzneimittel. Bei der Anwendung für die Behandlung von Depressionen, Zwängen etc. handelt es sich um eine sogenannte „off label“ Behandlung. Diese Therapien sind üblich und legal, werden allerdings nicht immer von den Krankenkassen übernommen.
Medizinische Verantwortung & fachliche Prüfung
Dieser Fachbeitrag zur Behandlung von Essstörungen wurde unter ärztlicher Verantwortung erstellt und medizinisch geprüft.
Die Inhalte basieren auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie klinischer Erfahrung in der Behandlung von Essstörungen, Depressionen, Zwangsstörungen und Traumafolgestörungen.
Wir verfolgen einen evidenzbasierten, multimodalen Ansatz. Ergänzende neurobiologische Verfahren wie Ketamin-Infusionen, rTMS und Neurofeedback werden ausschließlich im Rahmen eines strukturierten psychotherapeutischen Gesamtkonzepts eingesetzt und ersetzen keine Psychotherapie.
Medizinisch geprüft: Dr med Mario Scheib
Dieser Inhalt wurde medizinisch geprüft und entspricht dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Literatur zum Thema Essstörungen und deren Behandlung.
Optional ergänzbar mit Datum:
Letzte medizinische Prüfung: 2026
